Anlagehandbuch
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Bücher, die Ihre Anlageentscheidungen auf ein solides Fundament stellen.
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Harry Markowitz, einer der Väter der modernen Portfoliotheorie, soll die Diversifikation als das einzige «Gratis-Mittagessen» der Finanzwelt bezeichnet haben. Wir teilen seine Meinung und wollen uns deshalb das Konzept und dessen Implikationen genauer anschauen.
Der Begriff ist nicht nur für die Finanzwelt reserviert; wir verwenden ihn immer dann, wenn es um Risikostreuung geht. Auch bei Anlagen bringt die bewusste Streuung der Risiken verschiedene Vorteile, auf die wir gleich eingehen werden. Vorher sollten wir uns aber bewusst machen, welchen unterschiedlichen Risiken wir beim Anlegen begegnen:
Gemäss Markowitz lässt sich nun das Gesamtrisiko eines Portfolios reduzieren, wenn man Anlagen aussucht, welche in den obgenannten Risikobereichen unterschiedlich exponiert sind. Sonnencreme und Regenschirme werden beispielsweise in unterschiedlichen Zeiten nachgefragt; diese unternehmerischen Risiken neutralisieren sich teilweise. Dabei entsteht ein sehr willkommener Nebeneffekt – das Gratis-Mittagessen: Das Risiko sinkt, ohne dass sich die erwartete Rendite reduziert.
Nun könnte man das Gesamtrisiko auch dadurch reduzieren, dass man Anlageklassen beimischt, die weniger stark schwanken (Obligationen) oder sich teilweise gegenläufig zu Aktien verhalten (Gold). Dabei reduziert sich aber gleichzeitig die Renditeerwartung. Dieses Resultat kann gewünscht sein. Es ist aber ein Tausch von Stabilität gegen Rendite und kein Gratis-Mittagessen.
Die Diversifikation dient aber nicht nur der Risikominimierung, sondern auch der Chancenmaximierung. Wer nur auf wenige handverlesene Anlagen setzt, läuft Gefahr, Chancen zu verpassen, wenn sich eine in seinem Depot untervertretene Branche oder Region unerwartet gut entwickelt – Chancen, an denen er ohne zusätzliches Risiko hätte partizipieren können.
Obwohl eine breite Diversifikation viel Gutes leisten kann, kennt sie Grenzen. Das Risiko einer weltweiten Rezession oder weitere branchen- und regionenübergreifende Ereignisse wie die Corona-Pandemie oder geopolitische Eskalationen lassen sich auch mittels Diversifikation kaum minimieren.
Wir sind dennoch der Überzeugung, dass eine gute Diversifikation das oberste Gebot einer soliden Depotstruktur ist. Deshalb tauchen wir im Kapitel Wann bin ich gut diversifiziert? tiefer in die Thematik ein.
Und wer glaubt, dass wir damit übertreiben und man doch einfach nur die guten Anlagen erwerben könne, dem empfehlen wir eine Vertiefung zum Thema Prognosefähigkeit.
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Die Rendite eines Depots ist von den Märkten abhängig – die Kosten nicht. Während wir uns die zukünftige Marktentwicklung nicht aussuchen können, haben wir bei den Kosten die Wahl zwischen Anbietern mit verschiedenen Gebührenmodellen. Wie wir gleich feststellen werden, lohnt es sich hier sehr genau zu prüfen, worauf wir uns einlassen.
Wie schwer zu hohe Kosten langfristig wiegen, zeigt eine simple Überlegung: Die statistisch zu erwartenden Renditen kennen wir, wie das Kapitel zu den historischen Renditen der Anlageklassen zeigt, aus über hundertzwanzig Jahren Marktgeschichte – selbst bei maximalem Risiko (100 % Aktien) dürfen wir nicht mehr als rund 7 % erwarten. Nun ist die Rechnung einfach. Wer 2 % als Gesamtkosten für die Vermögensverwaltung bezahlt, verpasst bei 100 % Aktien mehr als einen Viertel seiner zu erwartenden Rendite. Im ausgewogenen Portfolio mit 50 % Aktien und 50 % Obligationen liegt die Renditeerwartung wegen des anhaltend tiefen Zinsniveaus nochmals deutlich tiefer – dort schlagen dieselben 2 % bereits mit einer Reduktion der Nettorendite um rund die Hälfte zu Buche. Das Risiko trägt der Anleger aber in jedem Fall zu 100 %. Mit zunehmender Anlagedauer wird die Diskrepanz zwischen Brutto- und Nettoertrag immer grösser. Denn die Kosten entfalten ihre Wirkung mit demselben Zinseszinseffekt wie Erträge – nur in umgekehrter Richtung (siehe Kapitel Zinseszins).
Damit der Löwenanteil des erwirtschafteten Ertrages auch tatsächlich beim Anleger bleibt, sollten die Gesamtkosten einer Vermögensverwaltung daher nicht mehr als 1 % betragen. Glücklicherweise bietet der Markt inzwischen genug attraktive Angebote, dass niemand mehr als 1 % für die Vermögensverwaltung bezahlen muss:
Man darf aber auch pragmatisch sein. Wer heute insgesamt 1.2 % bezahlt, sich dabei wohlfühlt und gleichzeitig noch seine Steuern erledigt bekommt oder seine Pensionierungsplanung, der mag mit gutem Recht in dieser Konstellation weiterarbeiten wollen und hat nicht zwingend Handlungsbedarf – zumal ein Wechsel womöglich selbst wieder Kosten verursacht. Wer aber gerade im Lotto gewonnen hat, sein Haus verkauft hat oder seine Pensionskasse ausbezahlt bekommen hat, ist gut beraten, wenn er sich bei der Suche nach einer Lösung an dieser Grenze orientiert.
Wenn Sie unterschiedliche Angebote vergleichen, sollten Sie sicherstellen, dass Sie die tatsächlichen Gesamtkosten eines Anbieters gegenüberstellen. Diese bestehen aus folgenden Kostenarten:
Fragen Sie aber auch nach den weiteren Gebühren und Abgaben, welche meist nicht ausgewiesen werden:
Wenn Sie nun denken, dass Sie aber womöglich einen Vermögensverwalter gefunden haben, der so gute Leistungen erbringt, dass seine höheren Gebühren gerechtfertigt sind, dann sollten Sie sich tiefer mit Statistik und dem Gesetz der grossen Zahl beschäftigen.
Nachdem die Diversifikation gewährleistet ist und die Kosten vertretbar sind, stehen die wichtigsten Pfeiler für den langfristigen Anlageerfolg. Ob man dabei eine sogenannt «aktive» oder «passive» Strategie verfolgt, ist dagegen nebensächlich und eher eine Scheindebatte, auf die wir an anderer Stelle genauer eingehen.
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Breite Diversifikation und tiefe Kosten sind bereits eine solide Basis für den Anlageerfolg. Das Depot ist damit gut gerüstet. Aber sind wir es auch?
Für den Anlageerfolg braucht es mehr: Disziplin, Nervenstärke und vor allem Geduld. Das wahre Erfolgsrezept ist nämlich gar nicht die Anlagestrategie selbst, sondern der Zinseszins – Erträge, die ihrerseits Erträge erzeugen. Wie genau dieser Mechanismus funktioniert, lesen wir im Kapitel Zinseszins nach. Der Zinseszins kann seine volle Kraft jedoch erst über lange Zeiträume entfalten. Und nur wer die Geduld aufbringt, ihn nicht bei seiner Arbeit zu stören, wird die Früchte davon ernten können.
In guten Börsenphasen ist Geduld einfach. In schlechten wird sie zur Nervenprobe: Negative Schlagzeilen verkaufen sich besser als positive, und gerade dann, wenn wir ruhig bleiben sollten, zeichnen die Medien mit grossem Pinsel das Bild vom Untergang.
Im besten Fall ist in der Anlagestrategie der Umgang mit Krisen bereits vorab festgehalten. Das kann beispielsweise ein klar definiertes Rebalancing sein, wie wir es in einem eigenen Kapitel ausführlicher beschreiben.
Damit es uns gelingt, stoisch die Ruhe zu bewahren, brauchen wir zudem die Klarheit, dass die Welt bisher noch nie untergegangen ist und in der Vergangenheit trotz allem Ungemach von Weltkriegen über Rezessionen bis Finanzkrisen langfristig immer eine respektable Rendite erwirtschaftet werden konnte.
Der Punkt wird kommen, an dem Rationalität allein jedoch nicht mehr reicht, weil die Faktenlage in einer Krise jeweils tatsächlich miserabel ist und der Ausgang tatsächlich völlig ungewiss. Darauf müssen wir uns vorbereiten: Lesen Sie unsere Buchempfehlungen und bauen Sie in guten Jahren ein tiefes Verständnis dafür auf, welche Eigenschaften Aktien überhaupt so erfolgreich machen und weshalb Aktien langfristig immer gestiegen sind. Wer dieses Verständnis einmal erworben hat, kann die Nerven auch in Zeiten grösster Unsicherheit bewahren.
Diversifikation und Kosten sind Entscheidungen, die Sie heute treffen können. Die Geduld ist keine Entscheidung, sondern eine Haltung – man kann sie nicht beschliessen, sondern nur mitbringen oder über die Jahre erwerben. Sie ist deshalb der anspruchsvollste der drei unersetzlichen Punkte.
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Aktien sind das zentrale Element und die Grundlage jeder Anlagestrategie, die Kapitalvermehrung zum Ziel hat: Keine andere klassische Anlageklasse hat über lange Zeiträume besser abgeschnitten, wie das Kapitel zu den historischen Renditen der Anlageklassen zeigt. Umso wichtiger ist es zu verstehen, was man da eigentlich besitzt.
Eine Aktie ist ein Anteil am Eigenkapital eines Unternehmens – Miteigentum, verbrieft in einem Wertpapier. Dieses Eigentum verleiht konkrete Rechte: den Anteil am Gewinn des Unternehmens – ausgeschüttet als Dividende oder einbehalten und damit als Wertzuwachs – sowie in der Regel das Stimmrecht an der Generalversammlung.
Das Wertpapier ist dabei für die Beteiligung, was der Grundbucheintrag für die Immobilie ist: der Beleg der Eigentumsverhältnisse, nicht das Investment selbst. Beim Haus bleibt der Eintrag still im Hintergrund, das Investment ist das Gebäude. Bei der Aktie ist es umgekehrt: An der Börse wird der Beleg gehandelt – mit Kursen, Ticks und Charts –, während das Unternehmen dahinter aus dem Blick gerät.
Peter Lynch ruft in «One Up on Wall Street» – einem unserer Buchempfehlungen – immer wieder in Erinnerung: Eine Aktie ist kein Lottoschein; hinter jeder Aktie steht ein Unternehmen mit Mitarbeitern und Kunden. Er muss sich wiederholen, weil die Einsicht zu schnell in Vergessenheit gerät: Anleger schreiben Aktien mehr Lotterieschein-Charakter zu, als dass sie darin die Stütze unseres ganzen sozialen Gefüges sehen.
Und in der Tat: Eine moderne, arbeitsteilige Gesellschaft ohne Unternehmen ist nicht denkbar, während Aktien selbst durchaus verzichtbar sind. Ohne Unternehmen gäbe es hingegen keine Arbeitsplätze, keine Produkte, keine Dienstleistungen. Wie sollten wir ohne erfolgreiche Unternehmen unser Leben bestreiten können?
Um das Unternehmen, das eigentliche Investment, nie aus den Augen zu verlieren, hilft eine Tugend, die sich der legendäre Investor Warren Buffett angeeignet hat: Er stellt sich jeweils vor, dass er mit jedem Aktienkauf Eigentümer des gesamten Unternehmens geworden ist. Damit werden Aktienpreise zweitrangig und der Zustand des Unternehmens bleibt einzig im Fokus. Wer so denkt, entwickelt eine gesunde Gelassenheit gegenüber dem Rauschen der Börse. Diesen Gedanken vertiefen wir im Kapitel Wert oder Preis?.
Damit ist noch nicht erklärt, wie das gute Abschneiden von Aktien langfristig überhaupt zustande kommt. Dieser Frage gehen wir im Kapitel Warum steigen Aktien? nach.
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Stellen Sie sich einen Gemüsemarkt vor, auf dem hundert Händler täglich die Preise aushandeln. Kaum hat einer die neue Information, dass die Karotten-Ernte schlecht ausfällt, verlangt er mehr für seine Ware – und es dauert nicht lange, bis die anderen Händler nachgezogen haben. Am Abend ist die Information vollständig im neuen Preis reflektiert. An der Börse dauert diese Anpassung nicht bis zum Abend, sondern nur Millisekunden: Millionen Anlegerinnen, Anleger und Algorithmen suchen ununterbrochen nach Informationen, die ihnen einen finanziellen Vorteil bringen könnten. Jede Neuigkeit fliesst unmittelbar in die nächste Preisfindung ein. Ein effizienter Markt ist demnach keiner, der immer «richtige» Preise hervorbringt, sondern einer, der neue Informationen so schnell verarbeitet, dass aus öffentlichem Wissen kaum mehr ein zählbarer Nutzen resultiert.
Ein Börsenkurs ist also keine Wahrheit, sondern schlicht der Preis, zu dem sich Käufer und Verkäufer gerade treffen. Gerät der Markt in einen Modetrend – ob Tulpenzwiebeln, Internetaktien oder Kryptowährungen –, kann der Preis über Jahre weit von jedem vernünftigen Wert entfernt sein. Die Masse verarbeitet zwar alle öffentlichen Informationen, aber mit derselben Begeisterung und denselben Moden, die auch das Konsumverhalten prägen – eben dem Zeitgeist, den wir schon bei der Prognosefähigkeit kennengelernt haben.
Um sich im Aktienhandel tatsächlich einen Vorteil zu verschaffen, müsste man demnach Informationen nutzen können, die andere noch nicht haben. Beispielsweise eine bevorstehende Übernahme, der medizinische Durchbruch, die Erhöhung der Umsatz- und Gewinnprognose oder die Ankündigung eines Aktienrückkaufsprogrammes. Solche Informationen würden tatsächlich einen Vorteil generieren. Genau deshalb ist ihre Nutzung verboten: Wer mit nicht öffentlichen aber kursrelevanten Informationen handelt, begeht Insiderhandel und wird strafrechtlich verfolgt. Die Börse bewacht so ihre eigene Grundlage: das Vertrauen, dass alle mit denselben Karten spielen.
Vielfach stellt man sich den Aktienhandel aber auch zu romantisch vor. Es ist längst nicht mehr so, dass der eine Privatanleger seine Anteile an Unternehmen XY an einen privaten Käufer verkauft. Der Aktienhandel wird seit geraumer Zeit von institutionellen Akteuren dominiert. Wann immer sie kaufen oder verkaufen, ist ihre Gegenpartei demnach kaum ein Laie, sondern ein bestens informierter Profi, der nur zufällig mit den gleichen Informationen zu einem gegenteiligen Schluss gekommen ist.
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Warum entstehen Crashs überhaupt? Die Geschichte ist reich an Beispielen: 1929 beendete der Schwarze Donnerstag die Roaring Twenties, 1973/74 halbierte die Ölkrise die Kurse, 1987 fiel der Markt an einem einzigen Montag um über zwanzig Prozent, 2000 platzte die Internetblase, 2008 riss die Finanzkrise die Weltwirtschaft mit und 2020 schickte uns das Coronavirus binnen Wochen in eine Schockstarre.
Wann ein Einbruch bevorsteht, lässt sich nicht vorhersagen, denn die Ursachen für einen Crash sind nicht unmittelbar kausal, sondern meist kumulativ. Nicht ein einzelnes Ereignis bringt den Markt zum Einsturz, sondern die Summe verschiedener Entwicklungen wie Preiseblasen, Schuldenexzesse oder überzogene Erwartungen an neue Technologien. Am Ende ist der Markt so verletzlich, dass jeder noch so kleine Anlass genügt, um ihn zum Einsturz zu bringen. Der Anlass kann dabei von ausserhalb kommen – ein Krieg, eine Seuche – oder aus dem Markt selbst.
Für den zweiten Fall hat Benjamin Graham ein gelungenes Bild gefunden. Der Autor des «Intelligenten Anlegers», ebenfalls unter unseren Buchempfehlungen, erklärte: In der kurzen Frist ist der Markt eine Abstimmungsmaschine, in der langen Frist eine Wiegemaschine. Kurzfristig zählen Moden und Erwartungen, die dem Zeitgeist unterliegen. Langfristig zählen Gewinne und Substanz. Ein Crash ist manchmal tatsächlich diese Korrektur: die Rückkehr vom überhöhten Preis zum realen Wert. Worin der Unterschied zwischen Wert und Preis liegt, vertiefen wir in einem separaten Kapitel.
Ein Crash birgt aber nicht nur Gefahren: Wenn sich Preisübertreibungen korrigieren und Börsenkurse zurück zum tatsächlichen Wert der Unternehmen bewegen, eröffnen sich Chancen – bei nun reduziertem Risiko. Rein rational lässt sich festhalten: Was bereits eingetreten ist, darum brauchen wir uns nicht mehr zu fürchten. Die erlittenen Verluste sind zwar real und schmerzhaft, aber sie liegen hinter uns. Natürlich weiss niemand, wann die Börsenkurse wieder Boden unter den Füssen finden werden. Aber die Geschichte lehrt uns, dass vor uns früher oder später eine Erholung liegt, die wir uns nun zunutze machen können.
Ob ein Crash eine günstige Gelegenheit ist, entscheidet jedoch nicht der Markt, sondern die persönliche Lage des Anlegers. Wer kurz vor der Pensionierung steht und im falschen Moment ein Drittel seines Aktiendepots verliert, kann die Erholung möglicherweise nicht mehr abwarten – er muss verkaufen, bevor die Wiegemaschine ihr Werk getan hat. Für ihn ist derselbe Crash, der für andere eine Gelegenheit ist, eine existenzbedrohende Angelegenheit. Deshalb ist der Anlagehorizont der entscheidende Massstab: Je länger das investierte Geld nicht benötigt wird, desto grösser die Wahrscheinlichkeit, dass der Crash nun eine Chance darstellt und das verbleibende Risiko grosszügig entschädigt wird.
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Könnten Sie zuverlässig vorhersagen, welche Anlage sich im nächsten Jahr am besten entwickeln wird, wäre Investieren ein Kinderspiel und Diversifikation überflüssig. Die Märkte sind aber grundsätzlich schwer vorherzusagen – nicht weil Analysten zu dumm wären, sondern weil die Preise bereits enthalten, was man vernünftig über die Zukunft wissen kann. Finanzfachleute nennen das effiziente Märkte: Wer den Markt schlagen will, muss etwas wissen, das alle anderen nicht wissen.
Und selbst das reicht nicht. Langfristig ist die Börse tatsächlich eine Waage: Fundamentale Faktoren – Gewinne, Cashflows, Zahlungsfähigkeit – bestimmen, was ein Unternehmen wert ist. Kurzfristig aber bestimmt der Zeitgeist, was Konsumentinnen und Konsumenten kaufen. Und dieses Konsumverhalten, das schliesslich erst zu den fundamentalen Fakten führt, muss weder rational sein, noch ist es vorhersehbar. Der Zeitgeist ist launisch, und mit ihm die Nachfrage. Selbst Aktien wiederum sind dem Zeitgeist unterworfen: Welche Branchen gerade faszinieren, welche Geschichten Anlegerinnen und Anleger zu Käufen anregt, unterliegt derselben Mode. Das potenziert die Unvorhersehbarkeit: Um den Kurs von morgen vorherzusagen, müssten Sie nicht nur eine genaue Vorstellung davon haben, was die Menschen kaufen werden – sondern zusätzlich, ob die Anlegerwelt diese Begeisterung ebenso teilt. Sie müssten also zwei launische Grössen richtig haben, nicht eine.
Übrigens erhielt die Ökonomie ursprünglich keinen Nobelpreis – sie gilt als Sozialwissenschaft, nicht als Naturwissenschaft. Der später gestiftete Preis trägt bis heute den Zusatz «in memory of Alfred Nobel». Das ist keine Fussnote der Wissenschaftsgeschichte, sondern ein Hinweis mit Konsequenzen: Märkte sind kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis menschlichen Verhaltens – und dieses lässt sich nicht mit der Zuverlässigkeit der Physik vorhersagen. Wer auf Prognosen baut, überschätzt also, über was wir überhaupt verlässlich Bescheid wissen können.
Daraus folgt eine unangenehme, aber befreiende Einsicht: Es lohnt sich kaum, den Markt schlagen zu wollen. Denn bereits der Versuch kostet Geld – Gebühren für den häufigeren Handel, Kosten für Research und Analyse. Sie starten das Rennen also mit einem mathematischen Rückstand und müssen erst einmal Ihre eigenen Kosten wieder einspielen, bevor Sie mit dem Markt auch nur gleichziehen können.
Wenn Sie noch zweifeln, dann empfehlen wir Ihnen «A Random Walk Down Wall Street» von Burton Malkiel als Lektüre – eine unserer Buchempfehlungen.
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Wenn Sie zehnmal eine Münze in die Luft werfen, wird diese selten genau fünfmal auf Kopf landen und fünfmal auf Zahl. Sechsmal Zahl und viermal Kopf sind üblich, und auch siebenmal Kopf und dreimal Zahl kommt regelmässig vor. Je kleiner die Anzahl der Versuche, desto willkürlicher das Ergebnis. Erst nach einigen Hundert Würfen nähert sich das Verhältnis sichtbar jeweils der Hälfte, und erst nach Tausenden wird das Resultat statistisch relevant. Das ist das Gesetz der grossen Zahl: Der Zufall braucht Masse und Zeit, um sein wahres Gesicht zu zeigen. Kleine Stichproben aber zeigen ihn verzerrt.
Das hat eine unbequeme Konsequenz, wenn wir uns Leistungsvergleiche ansehen. Stellen Sie sich 10'000 Vermögensverwalter vor, die jeweils eine Münze werfen – Kopf heisst «Ich schlage den Markt», Zahl heisst «Ich schlage ihn nicht». Nach dem ersten Jahr scheiden 5'000 aus, nach dem zweiten 2'500 – und nach zehn Jahren stehen noch rund zehn Verwalter da, die jedes einzelne Jahr richtig lagen. Zehn von zehntausend, mit einer Erfolgsquote von 100 Prozent. Zeitungen würden sie feiern, Kunden würden ihnen Geld nachwerfen – und doch hat keiner von ihnen einen Mehrwert generiert, der nicht mit Zufall erklärt werden könnte: Die Münzen waren alle gleich, nur die Auslese war es nicht. Wer zehn Jahre in Folge richtig lag, hat nicht besser geworfen – er ist schlicht der letzte Glückspilz einer grossen Zufallsauslese.
Im Alltag sind wir uns dieser natürlichen Auslese nicht bewusst, weil wir nur die Überlebenden sehen: Die 9'990 Gescheiterten sind längst still und leise verschwunden, ihre Fonds geschlossen, ihre Namen vergessen. Übrig bleiben die strahlenden Zufallssieger – und die Öffentlichkeit schreibt ihnen Talent zu, das statistisch nicht belegt ist.
Und selbst wenn ein Verwalter tatsächlich Talent hätte: Um es von Glück zu unterscheiden, bräuchte es Jahrzehnte – oft ein ganzes Berufsleben lang. Bis die Datenlage sicher wäre, ist der Verwalter pensioniert, und wer von uns hätte schon die Zeit, so lange zuzuschauen? Das ist die eigentliche Pointe des Gesetzes der grossen Zahl: Die nötige Stichprobe ist so riesig, dass sie kaum ein Menschenleben fasst. Prüfen Sie deshalb nicht, wer den Markt schlägt, sondern verlassen Sie sich auf das, was auch ohne richtige Prognose Gültigkeit hat – breite Diversifikation, tiefe Kosten und Geduld.
Das heisst aber nicht, dass Vergleiche zu nichts nütze sind. Anlagestrategien können sich aufgrund ihrer strategischen Ausrichtung deutlich unterscheiden, weshalb ein Vergleich durchaus Sinn machen kann. Auch wir tun dies, um die Ergebnisse unserer Verwalter regelmässig zu prüfen. Wie das aussehen kann, sehen Sie unter Performance-Vergleiche.
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Die ökonomische Antwort ist verblüffend simpel – Brian Feroldi hat ihr mit «Why Does the Stock Market Go Up?» ein ganzes Buch gewidmet, das zu unseren Buchempfehlungen gehört: Aktien steigen langfristig, weil Unternehmen Gewinne erwirtschaften und diese langfristig wachsen. Und sie wachsen, weil die Wirtschaft wächst – getrieben durch Innovation, Produktivitätssteigerungen und ein stetig grösseres Bruttoinlandsprodukt. Der Wert eines Unternehmens ist letztlich die Summe seiner künftigen Gewinne; steigen die Gewinne, steigt der Unternehmenswert – und mit ihm langfristig der Börsenkurs.
Doch in Krisenzeiten reicht diese Erklärung nicht weit. Wenn Kurse einbrechen, Portfoliowerte schmelzen und die Nachrichten von Rezession reden, verlieren wir schnell das Vertrauen in Innovation, Produktivität und Wachstum und auch die Geduld, welche wir eigentlich mitbringen wollten. In diesen Momenten braucht es eine feste Überzeugung.
Hier hilft ein gesellschaftlicher Gedanke weiter, den wir schon bei Aktien angesprochen haben: Unternehmen sind elementar für unsere Gesellschaft, weil sie die Arbeitsplätze bereitstellen, die uns ermöglichen, die nötige Kaufkraft für unseren Konsum zu erwerben, einen grossen Teil des Steueraufkommens bestreiten und die Produkte herstellen, die wir konsumieren. Sie sind gänzlich unverzichtbar. Selbst wenn alle Unternehmen schlecht geführt wären und nur qualitativ minderwertige Produkte auf den Markt brächten, blieben wir auf ihre Arbeitsplätze angewiesen – und auf den Konsum wollten wir auch dann nicht verzichten. Wir würden schlicht die besten verfügbaren Produkte wählen. Nicht Verzicht, sondern relative Selektion ist die Konsequenz – und genau diese Selektion ist der Motor, der die besseren Anbieter belohnt und den Markt als Ganzes vorantreibt. Wen die gesellschaftliche Argumentation als solche nicht überzeugt, der findet bei Cantillon vielleicht das fehlende Puzzlestück.
Solange wir also nicht diszipliniert den Konsum verweigern und somit keine Kaufkraft mehr benötigen, sind wir auf Unternehmen angewiesen. Die Entwicklung, die Jeremy Siegel in «Stocks for the Long Run» – ebenfalls einer unserer Buchempfehlungen – über zwei Jahrhunderte Daten nachgewiesen hat, kommt also nicht allein daher, dass die Unternehmen so gut sind. Sie kommt auch daher, weil es gesellschaftlich gar keine Alternative gibt. Was immer die nächste Krise bringt: Die Menschen werden am Morgen danach wieder zur Arbeit gehen, Güter produzieren, Dienstleistungen erbringen und konsumieren wollen. Mit Aktien beteiligen wir uns an genau dieser unersetzlichen Wirtschaftstätigkeit.
Eine wichtige Einschränkung bleibt: Alles bisher Gesagte gilt für den Markt als Ganzes, nicht für jede einzelne Aktie. Die Selektion arbeitet auch in die andere Richtung – Unternehmen scheitern und verschwinden. Wer auf einzelne Titel setzt, trägt dieses Risiko; wer breit diversifiziert, macht sich die langfristige natürliche Selektion des Marktes zunutze, ohne auf einzelne Unternehmen zu wetten.
Und schliesslich: Jeremy Siegels Buch heisst «Stocks for the Long Run» – und nicht «for the Short Run». Es kann immer wieder Durststrecken geben, die auch mehrere Jahre dauern können. Das ist kein Widerspruch zur langfristigen Logik, sondern gehört zu ihr dazu. Warum das geschieht und weshalb Crashs auch eine Chance sein können, lesen wir bei Crashs: Gefahr und Gelegenheit nach.
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Wer ein Wertschriftenportfolio zusammenstellt, legt zuerst eine Vermögensallokation fest: zum Beispiel 60 Prozent Aktien, 40 Prozent Obligationen. Doch diese Gewichtung hält nicht von selbst: Steigen die Aktien, wächst ihr Anteil – über einige gute Börsenjahre kann aus einem 60/40-Verhältnis allmählich 70/30 geworden sein, nach einem Crash vielleicht 50/50. Rebalancing bedeutet nun, das Portfolio regelmässig auf die Zielgewichtung zurückzuführen: Man verkauft von derjenigen Anlageklasse, die überproportional gewachsen ist, und kauft bei einer anderen Anlageklasse nach, die zurückgeblieben ist. Damit verkauft man systematisch das Teure und kauft mehr vom Günstigen – gegen die eigene Intuition, aber im Einklang mit der Strategie.
Wichtig ist dabei der Mindset: Rebalancing ist keine Verwaltungsaufgabe, sondern ein wichtiger Bestandteil der Strategie – denn es ist der Mechanismus, mit dem wir von Börsenkorrekturen profitieren können. Wir wollen nämlich, dass sich unser Portfolio bewegt. Schwankungen sind nicht der Feind, sondern sie beschleunigen unsere Zielerreichung. Darauf gehen wir beim Thema Risiko versus Risikomass näher ein.
Damit das gelingt, muss sich dieses Bewusstsein von Beginn weg verankert sein – strategisch und nicht nur theoretisch. Wer Schwankungen erst dann begreift, wenn sie da sind, handelt aus Angst: Er lässt das Rebalancing aus, gerade wenn es am ertragreichsten wäre – und lässt die Gelegenheiten verstreichen, die wir bei Crashs: Gefahr und Gelegenheit beschrieben haben. Wer dagegen von Anfang an weiss, dass Kurskorrekturen zum Plan gehören, hat eher die Disziplin, im entscheidenden Moment zuzugreifen. In vielen Situationen ist es trotz bestehender Investitionen sogar zu wünschen, dass eine Korrektur eintritt, damit man seinen Anteil an der Weltwirtschaft zu günstigen Preisen erhöhen kann.
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Vom Zinseszins ist in der Finanzwelt ständig die Rede – doch in den ersten Jahren ist von ihm kaum etwas zu sehen. Wer CHF 10'000 anlegt und 7 % verdient, hat nach einem Jahr CHF 700 dazugewonnen: willkommen, aber unspektakulär. Das Problem ist nicht der Zinseszins, sondern die Funktionsweise unseres Gehirns: Es denkt in geraden Linien, der Zinseszins wächst aber exponentiell. Die beste Annäherung an dieses Wachstum ist die Seerose, die sich täglich verdoppelt und den See erst am letzten Tag vollständig bedeckt: Bis einen Tag vorher sah alles harmlos aus. So unscheinbar sieht der Zinseszins in den ersten Jahren auch aus – nur dass sein See keine Grenze kennt.
Der Mechanismus dahinter ist simpel: Das Kapital erwirtschaftet Erträge, die wieder angelegt werden. Diese Erträge erwirtschaften nun selbst Erträge – und deren Erträge wiederum auch. Dieselben CHF 10'000 zu 7 % Rendite sind nach zehn Jahren rund CHF 20'000, nach zwanzig rund CHF 40'000, nach dreißig rund CHF 80'000 und nach vierzig rund CHF 150'000. Nichts daran ist spektakulär – bis man erkennt, dass die Verdopplung immer in derselben Zeit gelingt, obwohl die Beträge immer grösser werden.
Was das für ein Leben bedeutet, zeigt ein Beispiel: Wer ab dem 25. Altersjahr CHF 200 monatlich zu 7 % anlegt, hat mit 65 rund CHF 520'000 angespart – wozu er selbst nur CHF 96'000 beigetragen hat. Wer erst ab 35 beginnt, erreicht rund CHF 245'000, wer ab 45 beginnt, rund CHF 105'000. Zehn Jahre später beginnen heisst hier: weniger als die Hälfte am Ende – obwohl nur ein Viertel der Sparzeit verloren ging. Nichts beeinflusst das Ergebnis mehr als der frühe Start: Unsichtbar erzeugen die ersten Jahre die grössten Erträge von morgen.
Der Zinseszins kennt dabei keine Partei: Er arbeitet mit derselben Kraft für das angelegte Vermögen wie für die Gebühren, die Jahr für Jahr vom Ertrag abgezogen werden. Dieselben CHF 10'000, die zu 7 % in vierzig Jahren rund CHF 150'000 erwirtschaften, bringen es mit 2 % Gesamtkosten nur auf rund CHF 70'000 – Gebühren und Abzüge kosten damit mehr als die Hälfte des Ergebnisses. Wo sie anfallen und wie sie sich senken lassen, zeigt das Kapitel Kosten.
Weil die Langzeitwirkung so leicht unterschätzt wird, lohnt es sich, immer wieder innezuhalten: etwa wenn sich die familiäre Situation ändert, eine Erbschaft ansteht oder der Lohn steigt. Genau dann neigen wir dazu, zusätzliche Ersparnisse dem heutigen Leben zuzuschlagen – und übersehen, dass jeder nicht angelegte Franken nicht nur diesen Franken kostet, sondern alle Erträge, die er über Jahrzehnte je erwirtschaftet hätte. Für die schnelle Einschätzung im Kopf hilft die 72er-Regel.
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Die 72er-Regel packt die Zinseszinsrechnung zur praktischen Anwendung in eine einzige Division: Teilt man 72 durch die jährliche Rendite in Prozent, erhält man ungefähr die Anzahl Jahre, bis sich das Kapital verdoppelt. Bei 7 % Rendite dauert die Verdopplung also rund zehn Jahre (72 / 7 = 10.3), bei 5 % rund vierzehn (72 / 5 = 14.4), bei 3 % rund vierundzwanzig (72 / 3 = 24). Wer die Regel einmal verinnerlicht hat, kann die Langzeitwirkung einer Anlage im Kopf abschätzen – in Sekunden und ohne Excel.
Wie das Kapitel zu den historischen Renditen der Anlageklassen zeigt, dürfen wir aus Langzeitstudien annehmen, dass Aktien statistisch um 7 % pro Jahr steigen, was uns das Rechnen stark vereinfacht. Eine Verdopplung dauert bei Aktieninvestitionen demnach rund zehn Jahre – was genau der Reihe aus dem Kapitel Zinseszins entspricht: CHF 10'000 werden zu CHF 20'000, CHF 40'000, CHF 80'000 und so weiter. Wer mit 25 beginnt, erlebt bis 65 vier Verdopplungen – und sieht am Ende rund das Sechzehnfache des Anfangsbetrags. Natürlich sind die 7 % dabei nicht garantiert, sie sind lediglich die langfristige Grössenordnung, die wir aus über hundert Jahren Marktgeschichte beobachten können – aber es ist die vernünftigste Annäherung, die uns zur Verfügung steht.
Die Regel lässt sich auch umgekehrt lesen: Wer ein Ziel hat, teilt 72 durch die verfügbaren Jahre und erhält die dafür nötige Rendite. Möchte jemand sein Kapital in zwanzig Jahren verdoppeln, braucht es dafür rund 3.6 % pro Jahr. Erst wenn ein Ziel eine Rendite verlangt, die weit über den historischen 7 % liegt, ist das Ziel selbst das Problem – nicht die Anlage. Die 72er-Regel ist damit nicht nur eine Rechenhilfe, sondern ein Realitätscheck für Pläne.
Eine Einschränkung gehört dazu: Die 72er-Regel ist eine Näherung, keine exakte Formel. Im Bereich der üblichen Anlagerenditen von etwa 2 bis 10 % ist sie erstaunlich genau, darunter und darüber weicht sie langsam ab. Für alle Alltagsüberlegungen eines Anlegers reicht sie allemal – und für alles andere gibt es Excel.
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In der Branche wird leidenschaftlich darüber gestritten, ob ETFs besser seien als Indexfonds, traditionelle Fonds besser als aktive ETFs – und ob generell aktivem oder passivem Investieren die Zukunft gehört. Diese Debatten haben eines gemeinsam: Sie vergleichen Produkthüllen und lassen den Kern, nämlich die Qualität des Inhaltes, ausser acht.
Diese Hüllen haben eine rechtliche Relevanz, sagen aber nichts über den Inhalt der Produkte aus. Dies zeigt sich im Detail: Es gibt Indexfonds, die einen schlecht diversifizierten Index abbilden und damit ein Klumpenrisiko tragen, das man sonst aktivem Stock-Picking vorwirft. Es gibt ETFs, die einen Index mit hohem Turnover nachbilden und dadurch Kosten verursachen, die man bei «passiven» Produkten nicht vermutet. Und es gibt aktive Manager, die breit diversifizierte Direktanlagen nach einem nahezu buy-and-hold-Verfahren verwalten – also im Namen aktiv, im Verhalten passiver als mancher Indexfonds. Die Rechnung kann sogar auf den Kopf gestellt werden: Ein aktives Mandat mit Direktanlagen kann günstiger sein als ein Portfolio aus ETFs auf Nischenindizes. Wer in diesen Schubladen denkt, verliert das aus den Augen, worauf es ankommt.
Denn entscheidend ist ausschliesslich die Strategie hinter dem Produkt: Ist es gut diversifiziert? Ist es kostengünstig? Und verfolgt es diszipliniert den gewünschten Anlagestil?
Die rechtlichen Details – Fondsvertrag, Börsennotierung, Konstruktion – sind für das Anlageergebnis dagegen weniger relevant. Wer die drei Kriterien prüft, ist auf der sicheren Seite – egal, ob das Produkt sich ETF, Indexfonds, traditioneller Fonds oder aktiver ETF nennt. Was zählt, ist der Inhalt, nicht die Verpackung.
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Anleger kaufen mit Vorliebe, was sie gut kennen: Schweizer halten gerne überproportional viele Schweizer Aktien, Deutsche deutsche, Amerikaner amerikanische. Dieses Muster ist in der Fachliteratur als Home Bias bekannt. Aus Vertrautheit wird falsche Sicherheit. Das eigene Land ist schliesslich nur eine von vielen Regionen der Welt, und wer die übrigen ignoriert, verzichtet auf einen grossen Teil der Diversifikation. Dies nicht zuletzt deshalb, weil sich je nach Verteilung natürlicher Ressourcen unterschiedliche Industrien etablieren.
Aber so eindeutig, wie es die Theorie verspricht, lässt sich der Nutzen einer breitestmöglichen Diversifikation in der Praxis nicht bestimmen. Um die Vorzüge einer geographischen Diversifikation zu geniessen, sollten sich die zusätzlichen Risiken teilweise neutralisieren, ohne die Renditeerwartung zu schmälern. Eine zusätzliche Region ist nur dann eine echte Bereicherung, wenn sie keine unnötigen unsystematischen Risiken mitbringt.
Dass diese Bedingung nicht für alle Regionen gilt, hat Russland kürzlich eindrucksvoll gezeigt: Der Staat schränkte Eigentumsrechte ausländischer Aktionäre massiv ein. Dieses Risiko kennen wir in Nordamerika, Europa und anderen Teilen der entwickelten Welt nicht. Ist ein Land nicht genügend demokratisch organisiert oder fehlen die Stützen eines Rechtsstaates, kann ein Staat Einfluss auf Unternehmen und deren Anteilseigner nehmen – ein zusätzliches Risiko, das sich durch Streuung innerhalb des Landes nicht wegdiversifizieren lässt.
Damit zeigt sich die Grenze klar: Der Grenznutzen der geographischen Diversifikation endet dort, wo die zusätzliche Region mehr neue Risiken einführt, als sie alte streut. Für die Praxis heisst das: möglichst breit über die entwickelte Welt streuen – und Regionen ohne gesicherte Eigentumsrechte bewusst limitieren oder weglassen. Das ist keine politische Wertung, sondern nüchternes Risikomanagement.
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Intuitiv glauben viele Anleger: Wer eine Aktie an der US-Börse kauft, trägt ein Dollar-Risiko; wer in Japan handelt, ein Yen-Risiko – und das eigene Depot werde mit jedem ausländischen Titel währungstechnisch riskanter. Diese Vorstellung ist zu kurz gegriffen. Fremdwährungsrisiken entstehen nämlich nicht durch die Handelswährung einer Aktie oder das Domizil einer Unternehmung – sie entstehen aus der Geschäftsstrategie.
So kann auch ein Schweizer Unternehmen ein Dollar-Risiko tragen: produziert es in der Schweiz und exportiert es primär in den USD-Raum, hängen seine Erträge massgeblich vom Dollarwechselkurs ab – ganz ohne dass die Aktie je in den Vereinigten Staaten gehandelt wird. Umgekehrt kann ein US-Konzern, der weltweit produziert und weltweit verkauft, ein weitgehend ausgewogenes Währungsprofil haben. Massgeblich ist also, wo ein Unternehmen seine Erlöse erzielt und seine Kosten trägt – nicht, wo seine Anteile gehandelt werden.
Wie hoch das Fremdwährungsrisiko aus der operativen Tätigkeit eines international ausgerichteten Unternehmens tatsächlich ist, lässt sich schwer eruieren. Einerseits kann sich das Unternehmen dafür entscheiden, die Produktion dorthin auszulagern, wo auch die Erlöse anfallen – dann gleichen sich Währungen im Geschäftsmodell von selbst aus. Andererseits kann es seine Fremdwährungsrisiken am Finanzmarkt absichern. Hinzu kommt, was ohnehin gilt: Wir diversifizieren und halten nicht nur eine einzelne ausländische Aktie im Depot. Verschiedene Unternehmen mit verschiedenen Geschäftsstrategien tragen verschiedene Währungsprofile – im breiten Depot neutralisieren sich die verbleibenden Risiken zu einem guten Teil gegenseitig.
In welchem Umfang in einem breit diversifizierten Portfolio überhaupt noch Fremdwährungsrisiken bestehen, lässt sich von aussen kaum beziffern. Genau deshalb zeigen verschiedene Studien auf, dass Fremdwährungsrisiken bei Aktienanlagen neben der Diversifikation von untergeordneter Bedeutung sind: Eine Absicherung bringt keinen Renditevorteil – immerhin aber eine Senkung der Volatilität. Eine dieser Studien ist Warum sich Hedging lohnt von Stephanie Spozio: Für eine breit diversifizierte Strategie über die Jahre 1994 bis 2022 erreichte die vollständig währungsgesicherte Variante praktisch dieselbe Rendite wie die ungesicherte – bei deutlich tieferer Volatilität (rund 5.7 % statt 6.9 % pro Jahr). Die Währungsabsicherung hat demnach erfolgreich die Schwankungen im Depot gesenkt – aber keinen zusätzlichen Renditebeitrag geleistet. Wer die Volatilität scheut, für den mag eine Absicherung also durchaus Sinn machen. Wer sich hingegen eine höhere Rendite verspricht, weil er glaubt, damit ein Risiko ausgemerzt zu haben, ohne zusätzliche Kosten tragen zu müssen, der wird enttäuscht sein: Die Rendite lässt sich damit nicht verbessern. Das bedeutet nicht, dass es das Fremdwährungsrisiko nicht gäbe. Wir lernen daraus nur, dass man es kaum verlässlich eruieren kann und nach Absicherung keine bessere Rendite erwartet werden darf. Angst vor Fremdwährungsrisiken wäre demnach fehl am Platz – und dies explizit dann, wenn man deswegen geneigt ist, auf eine weltweite Diversifikation zu verzichten. Das Risiko würde sich gegen die Intuition erhöhen und nicht reduzieren.
Nützlich
In der Fachwelt streitet man sich trefflich darüber, wie viele verschiedene Anlagen in einem Depot vertreten sein sollten. Es gibt unzählige Studien, die immer wieder neue Resultate zu Tage fördern – und den Anlegern doch wenig nützen. Mal weicht das Anlageuniversum ab, mal die Gewichtung der Werte, mal die Betrachtungsperiode oder der Zeitpunkt des Rebalancings. Die Ergebnisse sind so vielfältig wie die Annahmen, und am Ende weiss der Anleger kaum mehr als vorher.
Deswegen schlagen wir einen praktischen Weg vor. Drei Prüfpunkte als praktische Übersetzung dessen, was die Diversifikation theoretisch fordert: nicht nur mehr Anlagen, sondern andersartige Anlagen.
Erstens: keine Einzelposition über 5 %. Wenn die grösste Einzelposition in Ihrem Depot nicht höher als 5 % gewichtet ist, sind Sie bereits relativ gut vor dem Ausfallrisiko eines einzelnen Unternehmens geschützt. Ein Konkurs mag schmerzen – er ruiniert Sie aber nicht. Übrigens: Selbst in manchen Aktienindizes mit weit mehr als 100 Aktien ist dieser Wert überschritten, weil wenige grosse Unternehmen ein höheres Gewicht im Index zugeteilt erhalten.
Zweitens: gut durchmischte Branchen. Prozentual lässt sich das kaum festmachen, weil die Branchenzugehörigkeit bei vielen Unternehmen gar nicht klar gegeben ist – wie das Beispiel Amazon zeigt: Der Konzern ist je nach Betrachtung Detailhändler, Cloud-Anbieter oder Technologiekonzern. Aber mit gesunden Menschenverstand lässt sich gut einschätzen, ob das Depot ein bunter Blumenstrauss ist – oder ein Lavendelmeer.
Drittens: die regionale Durchmischung muss unabhängig von den Fremdwährungsrisiken gegeben sein. Wer sein Depot über verschiedene Länder und Regionen streut – und dabei die Erkenntnis aus dem Kapitel Länderrisiken beachtet – ist auch vor geopolitischen Krisen besser geschützt. Welche Rolle Fremdwährungsrisiken dabei spielen, darauf gehen wir separat ein.
Ein Portfolio mit 30 Werten kann bereits relativ gut funktionieren, wenn es die obigen drei Punkte berücksichtigt. Wer über Jahrzehnte in den Dow Jones investiert war, kann sich zumindest kaum über eine fehlende Rendite beklagen.
Wer nicht nur die Risiken im Griff haben möchte, sondern auch seine Chancen bestmöglich wahren will, sollte sich aber eher an der Zahl 200 orientieren. Gemäss der Simulationsstudie How Many Stocks Should You Own? nähern sich Portfolios aus 20 bis 30 zufällig gewählten Aktien zwar bezüglich Volatilität dem Markt an – doch das nach 25 Anlagejahren erzielte Endvermögen klafft je nach Auswahl weit auseinander. Erst ab rund 200 Aktien verschwindet dieses Auswahlrisiko zuverlässig: Das Glück der Auswahl spielt dann keine nennenswerte Rolle mehr.
Innerhalb der gleichen Anlageklasse ist Diversifikation ein Gratis-Mittagessen – sie lohnt sich also bis zum Grenznutzen der Kosten. Über die Anlageklassen hinweg aber kostet jede weitere Risikominderung Rendite. Ob ein solcher Verzicht überhaupt nötig ist, hängt davon ab, welches Risiko man tragen kann – dem gehen wir im Kapitel Risiko versus Risikomass nach.
Nützlich
Der Börsenhandel ist der Nabel der Anlagewelt und prägt die Berichterstattung. Deshalb stehen die absoluten Kurse in USD und CHF im steten Scheinwerferlicht. Die sind aber weit volatiler als der eigentliche Wert des Unternehmens dahinter: Benjamin Graham brachte das auf die klassische Formel von der Abstimm- und der Wiegemaschine – kurzfristig ist der Markt eine Abstimmmaschine, die Stimmungen zählt, langfristig eine Wiegemaschine, die Wert misst. Ein Crash, wie wir ihn unter Gefahr und Gelegenheit gesehen haben, verändert deshalb primär nur den Preis – nicht zwingend aber den Unternehmenswert.
Würden sich Anleger am Wert des Unternehmens orientieren, wären sie weniger emotional und viel disziplinierter. Warren Buffett macht das seit Jahrzehnten vor: Er stellt sich bei jedem Kauf vor, das ganze Unternehmen zu besitzen – weil dann offensichtlich ist, dass nur relevant ist, wie es dem Unternehmen geht, ungeachtet des aktuellen Börsenkurses. Das ist kein psychologischer Trick, sondern wirtschaftlich richtig. Denn mit einer Aktie besitzt der Anleger einen Anteil an einem Unternehmen – und dieses Unternehmen ist wiederum ein Teil der Weltwirtschaft.
Das Ziel des Anlegers kann deshalb nicht sein, dass der Preis dieses Anteils maximal steigt. Das wäre kurzfristig gedacht und würde über kurz oder lang gemäss dem Prinzip der Regression zum Mittelwert wieder relativiert. Langfristig profitiert er vielmehr davon, wenn er durch günstige Nachkäufe seinen Anteil am Unternehmen erhöhen kann – oder durch Zukäufe weiterer Aktien langfristig von einem grösseren Stück der Weltwirtschaft profitiert. Was zählt, ist nicht, was das Wertpapier heute kostet, sondern wie viel vom Unternehmen ihm gehört.
Das lässt sich bis zur letzten Konsequenz denken: Am Ende kann man ein Unternehmen von der Börse dekotieren. Dann gibt es gar keine Kursnotiz mehr – der Unternehmenswert kann aber dennoch enorm hoch sein, und es zählt einzig, wie viel davon, relativ gesehen, dem jeweiligen Eigentümer gehört. Der relative Anteil hat also mehr Relevanz als der absolute Preis an der Börse. Wer sein Vermögen in Anteilen denkt statt in Kursen, dem wird es in einem Crash besser gelingen, die Ruhe zu bewahren – und rollt damit dem Zinseszins den roten Teppich aus.
Nützlich
Der Anlagehorizont ist die Zeitspanne, während der ein Anleger auf sein Geld nicht angewiesen ist und die Grundlage für die Vermögensallokation. Denn Schwankungen sind nur dann gefährlich, wenn sie zum falschen Zeitpunkt zum Verkauf zwingen. Nur wer die Zeit hat, um die Erholung abzuwarten, muss Verluste nicht realisieren – und kann eine hohe Volatilität tolerieren. Je länger Sie also nicht auf die Gelder angewiesen sind, desto höher darf Ihr Aktienanteil ausfallen.
Wovon dieser Horizont abhängt, lässt sich nicht abschliessend festmachen. Wer laufend mehr verdient, als er benötigt, muss sein Depot nicht antasten – das freie Einkommen verlängert den Horizont. Das Lebensalter kann ihn verkürzen, die Lebensumstände – Familie, Verpflichtungen, geplante grössere Ausgaben wie ein Eigenheim oder die Ausbildung der Kinder – können ihn in beide Richtungen verschieben. Keiner dieser Faktoren bestimmt ihn für sich allein.
Deshalb sind Faustformeln gefährlich, die den Horizont am Lebensalter festmachen. Auch ein Neunzigjähriger kann einen sehr langen Anlagehorizont haben – nämlich dann, wenn er selbst nicht mehr auf die Gelder angewiesen ist und bereits für seine Nachkommen anlegt. Entscheidend ist nicht das Alter als solches, sondern der Liquiditätsbedarf.
Zwei praktische Konsequenzen folgen daraus. Erstens: Geld, das in absehbarer Zeit benötigt wird – die Liquiditätsreserve, die nächste Rate, die geplante Anschaffung –, hat im Depot nichts verloren und bleibt auf dem Konto. Zweitens: Je näher der Zeitpunkt rückt, an dem das Vermögen gebraucht wird, desto mehr Gewicht verdient der Stabilitätsanker – denn realisierte Verluste lassen sich nicht mehr kompensieren.
Damit relativiert der Anlagehorizont vieles, was sonst als Regel gilt: Während in den meisten Situationen Geduld die richtige Tugend ist, hilft auch sie nicht mehr, wenn die Zeit fehlt. Der Anlagehorizont ist deshalb die individuellste Grösse im ganzen Handbuch und er geht allen anderen Punkten der Portfoliostrukturierung vor.
Nützlich
Je näher der Tag rückt, an dem das Geld gebraucht wird, desto weniger sollte ein Depot schwanken – dann braucht es einen Stabilitätsanker: Anlagen, die auch in schlechten Jahren das Depot stützen. Obligationen, Gold und Immobilien können dabei in unterschiedlichem Ausmass ihren Beitrag dazu leisten.
Obligationen sind der eigentliche Stabilisator. Eine Obligation ist im Kern nichts anderes als ein Darlehen: Der Anleger erhält regelmässig Zinsen und am Ende die Rückzahlung – zwei versprochene Cashflows, die nicht von Stimmungen an der Börse abhängen. Deshalb schwanken Obligationen weit weniger als Aktien, und Staatsobligationen solventer Länder gelten seit jeher als der ruhige Teil des Depots. Die Stabilisierung kommt also nicht daher, dass Obligationen fallenenden Aktien automatisch entgegenlaufen – das tun sie längst nicht immer –, sondern aus den festen Zahlungen und der höheren Rangfolge im Konkursfall.
Gold ist eher eine Krisenwährung als ein Stabilisator. Gold zahlt keine Zinsen und keine Dividenden – es gibt keine Erträge, aus denen sich ein innerer Wert ableiten liesse. Sein Kurs ist deshalb selbst beträchtlichen Schwankungen ausgesetzt. Was Gold auszeichnet, ist eine andere Eigenschaft: Es ist seit Jahrtausenden die Währung, auf die Anleger in Krisen ausweichen – weshalb es Aktienkursen in Panikphasen oft entgegenläuft. Als kleine Beigabe kann Gold bereichern. Als Stabilisator taugt es jedoch nur langfristig – kurzfristig ist darauf kein Verlass.
Immobilien sind die zwiespältigste der drei Anlageklassen. Zunächst gilt es, zwei völlig verschiedene Dinge zu unterscheiden: Das selbstbewohnte Eigenheim ist in erster Linie Konsum – man kauft sich ein Zuhause, keine Anlage, auch wenn es sich später als solche entpuppen mag. Renditeobjekte wie Liegenschaften oder Immobilienfonds sind dagegen echte Anlagen – aber keineswegs unabhängig von der Konjunktur: In der Finanzkrise 2008 fielen Immobilien und Aktien gemeinsam. Immobilien dämpfen das Depot vor allem über ihre illiquide Natur – der fehlende tägliche Kurs zwingt niemanden zum Handeln. Stabil im engeren Sinn sind sie deshalb nicht.
Wie gross der schwankungsarme Teil des Depots sein soll, ergibt sich einerseits aus dem eingangs erwähnten Anlagehorizont und andererseits aus der subjektiven Risikobereitschaft jedes einzelnen. Im Kapitel Vermögensallokation vertiefen wir diese Fragestellung.
Weshalb wir Obligationen, Gold und Immobilien nur in der Rolle der Beimischung sehen und nicht als Kern des Depots, hat einen einfachen Grund: Über lange Zeiträume sind alle drei der Aktienanlage an Rendite unterlegen – wie die historischen Renditen der Anlageklassen zeigen. Die natürliche Funktion dieser drei Anlageklassen ist es, in unterschiedlichem Masse zur Stabilisierung des Depots beizutragen – nicht mehr und nicht weniger. Aber diese Rolle ist im Krisenfall wichtig genug.
Nützlich
Das Global Investment Returns Yearbook, die Langzeitstudie von Elroy Dimson, Paul Marsh und Michael Staunton, verfolgt die Entwicklung der Anlageklassen seit 1900 – also über 125 Jahre, in 35 Märkten, durch zwei Weltkriege, Hyperinflationen, Ölkrisen und Finanzkrisen. Das Ergebnis ist eindeutig und in jedem Jahrzehnt stabil: Aktien schlagen Obligationen, Gold und Bankguthaben – in praktisch jedem Land und über jeden längeren Anlagehorizont. Das Yearbook ist dabei nicht die einzige Quelle: Dasselbe Bild zeichnet Jeremy Siegel in seinem Standardwerk Stocks for the Long Run, einem unserer Buchempfehlungen – und für den Schweizer Markt die Langzeitstudie Die langfristige Performance von Schweizer Aktien und Obligationen von Pictet Wealth Management, die dieselbe Rangordnung bestätigt: Schweizer Aktien erzielten seit 1900 nominell rund 6.8 % pro Jahr, Staatsanleihen rund 3.9 %.
In realen Werten, also nach Abzug der Inflation, erzielten globale Aktien seit 1900 im Durchschnitt rund 5 % pro Jahr – in den Vereinigten Staaten sogar rund 6.6 %. Obligationen brachten es weltweit auf etwa 2 %, Gold auf rund 1 %; auf dem Konto verzehrte die Inflation das Guthaben nahezu vollständig. Auf den ersten Blick wirken diese Unterschiede klein. Aber der Zinseszins macht aus wenigen Prozentpunkten über ein Menschenalter erhebliche Vermögensunterschiede: Ein Franken, der 1900 in US-Aktien investiert wurde, hat sich real seither rund alle elf Jahre verdoppelt – derselbe Franken in Obligationen investiert, brauchte dafür mehr als doppelt so lange.
Für den Aufbau des Depots folgt daraus die klare Arbeitsteilung, die wir bei Obligationen, Gold und Immobilien entwickelt haben: Der Stabilitätsanker beruhigt das Depot, aber die historischen Renditen zeigen, dass er es kaum vermehrt. Die Vermehrung leistet der Aktienkern – 125 Jahre Daten lassen kaum eine andere Schlussfolgerung zu.
Welcher Logik diese historischen Renditen folgen, schauen wir uns in einem separaten Exkurs an: im Kapitel Der Cantillon-Effekt.
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Damit die Preise von Gütern oder Anlagen steigen können, muss ein potentieller Käufer die Kaufkraft aufbringen, um den Angebotspreis zu bezahlen. Wer kein Geld hat, kann nichts kaufen und Preise können nicht steigen. Woher kommt aber diese Kaufkraft überhaupt? Real entsteht Kaufkraft in den Unternehmen – erzeugt von deren Mitarbeitern.
In einfachen Worten ausgedrückt: Mitarbeiter erzeugen im Durchschnitt – selbst nach allen betrieblichen Aufwendungen – einen grösseren Mehrwert, als sie als Lohn ausbezahlt bekommen; anders liessen sich die Arbeitsplätze langfristig nicht erhalten. Dies ist das einfache Grundkonzept.
Nur wohin wandert aber diese Differenz? Die Differenz zwischen dem tatsächlichen Mehrwert jedes Mitarbeiters und dessen Lohn zuzüglich der betrieblichen Aufwendungen verbleibt als Gewinn im Unternehmen – für künftige Investitionen oder wird als Dividende an die Eigentümer ausbezahlt.
Bevor ein Mitarbeiter seinen Lohn ausgeben kann, haben die Aktionäre seines Arbeitsgebers ihren Teil der neu geschaffenen Kaufkraft also bereits abgeschöpft. Je nach Priorisierung des Arbeitnehmers ist der nächste Adressat meist sein Vermieter – wer wollte schon riskieren, auf der Strasse leben zu müssen. Daraus ergibt sich eine ganz natürliche Hierarchie und Reihenfolge zur Verteilung der neu geschaffenen Kaufkraft.
Der irisch-französische Ökonom und Bankier Richard Cantillon (1680–1734) beschrieb als Cantillon-Effekt, wie sich eine Erhöhung der Geldmenge durch Notenbanken ungleich verteilt: Wer dem «Geld-Drucker» am nächsten sitzt, profitiert am meisten.
Ob nun im Zusammenhang mit der Geldschöpfung durch Notenbanken oder der Schöpfung von Kaufkraft durch Mitarbeiter – der Mechanismus ist in beiden Fällen der gleiche: Je näher an der Quelle, desto besser.
Für uns Anleger heisst das: Die Eigentümer der Unternehmen stehen an erster Stelle, die Immobilienbesitzer in der zweiten, alle übrigen folgen mit gebührendem Abstand. Und genau diese Reihenfolge zeigt sich in den historischen Renditen der Anlageklassen: die Kaufkraft als Quelle aller Wertvermehrung, verteilt in der Reihenfolge der Nähe zu ihrer Entstehung.
Nützlich
Vermögensallokation nennt man die strategische Aufteilung des Vermögens über die Anlageklassen: Welcher Anteil entfällt auf Aktien, welcher auf Obligationen, Gold oder Immobilien und wie viel bleibt liquide? Diese Gewichte prägen Ertrag und Risiko eines Depots mehr als jede Einzelauswahl – zwei Depots mit denselben Gewichten, aber verschiedenen Einzeltiteln ähneln sich üblicherweise stark; zwei Depots mit denselben Titeln, aber verschiedenen Gewichten, sind zwei grundsätzlich verschiedene Anlagen.
Vielerorts in diesem Handbuch haben wir über die Eigenschaften von Aktien gesprochen und die weiteren Anlageklassen nur am Rande erwähnt – begründet mit der Überrendite von Aktien und mit der Absicht, der vorherrschenden Zurückhaltung gegenüber Aktien entgegenzuwirken. Dennoch gilt: Obligationen, Gold oder Immobilien haben durchaus ihre Berechtigung im Depot – und verdienen je nach Anlagehorizont und Risikobereitschaft auch ein höheres Gewicht.
Trotzdem bleibt unser Fokus auf den Aktien – und dies ist neben dem Renditeargument auch dem Kostenargument geschuldet: Je höher die erwartete Rendite ist, desto schneller lohnt sich eine Vermögensverwaltung, wie wir bei den Kosten aufgezeigt haben. Im Umkehrschluss macht eine Vermögensverwaltung bei zu gering erwarteter Rendite kaum noch Sinn. Wer keine Aktien im Depot haben möchte, sollte sich zweimal überlegen, ob er überhaupt jemandem sein Geld für eine Vermögensverwaltung überlassen möchte: Beträgt die zu erwartende Rendite nicht einmal 2 % und übersteigen die gesamten Verwaltungskosten 1 %, dann rechtfertigen sich die dabei eingegangenen Risiken kaum.
Für dieses Dilemma gibt es eine sehr einfache praktische Lösung: Wir steuern die Vermögensallokation nicht nur im Depot selbst, sondern auch dadurch, wie viel überhaupt erst ins Depot gelangt. Wer nach seinem persönlichen Risikoappetit nicht mehr als 20 % in Aktien anlegen möchte, hat zwei Möglichkeiten: Er kann eine Vermögensverwaltung wählen, die maximal 20 % Aktien hält – oder er kann 20 % seines Vermögens in ein reines Aktienmandat geben und den Rest ausserhalb einer teuren Vermögensverwaltung zinsbringend anlegen. Nach unserer Erfahrung ist der zweite Weg der ehrlichere: Er bietet die höhere Nettorendite bei geringerem Risiko. Es ist auch der Grund, weshalb unser Performance-Vergleich keine Mandate mit geringer Aktienquote enthält – wir können dafür schlicht keine verlässlichen Zahlen ausweisen, weil wir im Zweifelsfall dieses Kapital lieber ausserhalb von Mandaten als Liquidität bewirtschaften.
Eines aber geht der Vermögensallokation noch voran: die Liquiditätsplanung. Bevor verteilt werden kann, muss geklärt sein, wie viel des Vermögens überhaupt investiert werden darf – und wie viel für Notfälle zurückbehalten werden muss. Weil diese Frage jede andere überlagert und zugleich die individuellste von allen ist, behandeln wir sie an eigener Stelle.
Nützlich
Jeder Anleger sollte ohne viel Aufwand in der Lage sein, die Rendite seines Wertschriftendepots qualitativ beurteilen zu können. Dazu genügt eine einzige Frage: Welche Rendite hätte er mit vergleichbarem Risiko erwarten dürfen? Aber dazu braucht es zuerst eine aussagekräftige Referenz.
Klassische Benchmark-Vergleiche helfen dabei wenig. Einerseits werden darin weder Kosten noch Steuern berücksichtigt, andererseits ist beispielsweise der Vergleich mit dem Swiss Performance Index für den Schweizer Anleger kaum relevant, weil eine solche Anlage mangels genügender Diversifikation alternativ gar nicht zu empfehlen ist. Dasselbe gilt auch für den S&P 500 oder den MSCI World – sie zeigen lediglich auf, wie sich eine bestimmte Region entwickelt hat, sind aber für den Leistungsvergleich eines Vermögensverwalters nicht relevant.
Verglichen werden sollte mit einer Performance nach Gebühren und Abgaben eines realen Portfolios, das auch aus Diversifikationssicht vertretbar ist und aktuell auch im Markt angeboten wird. Solche Zahlen sind von unterschiedlichen Anbietern leider nicht öffentlich – und wenn, dann handelt es sich um reine Musterportfolios, die selten tatsächlich so umgesetzt wurden. Aus diesem Grund haben wir den Strategievergleich eingeführt: Er dient unseren Kunden als Cockpit, um zu sehen, was in der vergangenen Periode bei vergleichbarem Risiko erwartet werden durfte. Jedes Portfolio, das dort mit seiner Rendite publiziert wird, ist aktuell erhältlich – und die Zahlen sind mit Bankauszügen verifiziert. Damit stehen allen Kunden je nach Risikoprofil relevante Vergleichszahlen zur Verfügung.
Dennoch sollte man jeden Vergleich mit Vorsicht geniessen. Gemäss dem Gesetz der grossen Zahl werden Performance-Vergleiche immer relevanter, je länger die Betrachtungsperiode dauert: Zwölf Monate sind nur ein kleiner Ausschnitt einer langen Reise. Vermögensverwalter, die konstant dieselbe Strategie verfolgen, können über viele Jahre dem Markt hinterherhinken und dennoch gute Arbeit leisten, die sich später wieder auszahlt. Den Verwalter oder die Strategie, die in jeder Phase gut abschneidet, gibt es schlichtweg nicht.
Aus diesem Grund arbeiten wir ab einem Depotvermögen von CHF 2 Millionen mit zwei Vermögensverwaltern parallel, die sich strategisch komplementär ergänzen. Solange beide ihren zugeteilten Job solide machen, kann man sich mit gutem Gewissen zurücklehnen und sporadisch nachsehen, welchem der beiden das aktuelle Marktumfeld gerade die besseren Karten zugespielt hat.
Nützlich
Wenn im Zusammenhang mit Anlagen von Risiko die Rede ist, dann meint man in der Regel nicht die Wahrscheinlichkeit, einen Verlust zu erleiden, sondern in welchem Ausmass der Anleger mit Preisschwankungen zu rechnen hat. Das sind zwei sehr verschiedene Betrachtungsweisen mit unterschiedlicher Aussagekraft. Bevor man über die Eignung einer spezifischen Anlage urteilt, sollte man deshalb wissen, welche Risikoeigenschaften für den eigenen Fall tatsächlich relevant sind.
Das gängige Risikomass für Finanzprodukte ist die Volatilität. Sie ist eine Kennzahl, die aus den Finanzwissenschaften stammt und misst die Schwankung von Anlagepreisen. Wenn eine Anlageklasse hohe Preisschwankungen ausweist, dann wird ihr ein hohes Risiko zugeschrieben (Aktien). Schwanken die Kurse einer Anlageklasse weniger stark, dann wird sie als weniger riskant eingestuft (Obligationen). Die Idee dahinter ist nachvollziehbar: Je geringer die Kursschwankungen, desto kleiner die Gefahr, dass die Preise im ungünstigsten Moment – dann nämlich, wenn man zu Verkäufen gezwungen ist – sehr tief stehen. Das tatsächliche Risiko materialisiert sich also erst dann, wenn man zur Unzeit zu Verkäufen gezwungen ist. Könnte dieser Fall ausgeschlossen werden, so liesse sich aus Volatilität allein kein relevantes Risiko ableiten.
Mit dieser Erkenntnis können wir festhalten, dass Volatilität je nach Anlagehorizont eine unterschiedliche Aussagekraft hat. Je länger man nicht auf das zu investierende Kapital angewiesen ist, desto mehr verliert die Volatilität an Bedeutung. Die Studie der Luzerner Kantonalbank Schweizer Aktien im Langzeitvergleich zeigt dies eindrücklich: Wer nur ein einzelnes Jahr in Schweizer Aktien investiert war, lag in rund jedem vierten Fall im Minus – im schlimmsten Jahr 2008 um mehr als einen Drittel. Über mögliche Fünfjahresperioden war es noch in jedem sechsten Fall der Fall. Wer aber zehn Jahre investiert blieb – am Stück – hat über alle möglichen Startzeitpunkte hinweg nie einen Verlust erlitten; auf rollierender Tagesbasis war ab zwölf Jahren jede einzelne Periode positiv.
Wenn wir aus dem Kapitel historischen Renditen der Anlageklassen gleichzeitig wissen, dass Aktien über lange Zeiträume die höchste Rendite abgeworfen haben, dann lässt sich daraus wiederum ein anderes Risiko ableiten. Wer aus Angst vor Kursschwankungen auf Aktien verzichtet, der verzichtet gleichzeitig auf den grössten Renditetreiber im Portfolio und läuft unter Umständen Gefahr, sein Anlageziel nicht zu erreichen. Das Risiko des Nichterreichens eines Anlagezieles gilt jedoch als Opportunitätsrisiko und findet kaum Beachtung.
Noch relevanter wäre für den Praktiker zu wissen, wie hoch das Risiko ist, mit einer spezifischen Anlage einen Totalverlust zu erleiden. Während es diese Messgrösse bei Obligationen tatsächlich auch gibt, fehlt sie für die restlichen Anlageklassen. Wie sollte denn auch berechnet werden können, was das Ausfallrisiko von Gold oder Immobilien ist? Und während ein Unternehmen sehr wohl Konkurs gehen kann, ist dieses Risiko in einem breit diversifizierten Portfolio kaum mehr zu eruieren.
Das einzige, was man über alle Anlageklassen hinweg tatsächlich messen kann, ist die Schwankungsanfälligkeit der Kurse. Deswegen hat sich die Volatilität als wissenschaftliche Kennzahl durchgesetzt. Ihre Aussagekraft wird dadurch aber nicht grösser und kann, wie wir gesehen haben, sogar zu Fehleinschätzungen führen.
Für die Praxis folgt daraus eine einfache Sortierarbeit: Welche Risiken kann und will ich tragen – und welche nicht? Das Schwankungsrisiko trägt man über den Anlagehorizont, das Klumpenrisiko über die Prüfung Wann bin ich gut diversifiziert?, das Währungsrisiko erledigt die Streuung, wie das Kapitel zu den Fremdwährungsrisiken zeigt, das Bonitätsrisiko die Auswahl der Schuldner. Nur das Inflationsrisiko lässt sich weder streuen noch aussitzen. Die Inflation frisst unsere Kaufkraft still und leise – Tag für Tag. Wir können ihr nicht entkommen. Nur wer Anlagen tätigt, die eine höhere erwartete Rendite aufweisen, kann seine Kaufkraft langfristig bewahren. Wer also vor lauter Risiken in Angststarre verfällt, ist nicht immun – er tauscht die sichtbaren Risiken gegen ein unsichtbares ein. Wer jedoch den Mut hat, Schwankungen zu ertragen, wird dafür mit einer Rendite belohnt, welche die Inflation übersteigt.
Nützlich
Im Internet kursieren unzählige Daumenregeln, wie viel Liquidität ein Anleger zur Seite legen sollte, bevor er überhaupt zu investieren beginnt. Wir halten diese Daumenregeln nicht für sonderlich hilfreich – und wir können Ihnen auch keine eigene Regel an die Hand geben, die nützlicher wäre. Das liegt nicht an mangelnder Anstrengung, sondern daran, dass die Antwort schlicht zu individuell ausfällt. Die Liquiditätsplanung kennt viele massgebende Variablen: die spezifischen Einkommensverhältnisse, die Wohnverhältnisse, die Vorsorgesituation, das Gesamtvermögen und vieles mehr – und sie potenzieren sich mit allen Familienmitgliedern, die ebenfalls heute (Partner) oder später (Erbe) zum Familienbudget beitragen.
Daraus ergibt sich in der Praxis eine enorme Bandbreite an Empfehlungen. Wer gerade eine teure Wohnung gekauft hat – mit 20 % Eigenkapital und zu 80 % fremdfinanziert – und in einer Beziehung lebt, in der die Partnerin ihr erstes Kind erwartet und darum keiner Berufstätigkeit nachgeht, der tut gut daran, ein solides Liquiditätspolster zur Seite zu legen.
Wer hingegen in einem Haus wohnt, dessen Hypothek längst abbezahlt ist, keine weiteren Kredite hat – und zudem zwischenzeitlich sogar ein Wertschriftendepot von über einer Million Franken aufbauen konnte –, wer sämtliche Budgetausgaben mit dem laufenden Einkommen bestreiten kann, darüber hinaus über eine freie Quote verfügt und schliesslich noch ein Erbe in Aussicht hat, der braucht nicht zwingend ein Liquiditätspolster. Eine durchschnittliche Schweizer Bank würde diesem Anleger jederzeit einen Lombardkredit von mehreren hunderttausend Franken einräumen. Damit ist er flexibel genug, um im Notfall reagieren zu können, ohne einen Engpass befürchten zu müssen. Ein Lombardkredit unterscheidet sich von einer Hypothek allein dadurch, dass die Sicherheit nicht das Haus ist, sondern die Wertschriften – und dass seine Erstellung viel einfacher und meist auch günstiger ausfällt. Und mit einer unbelehnten Liegenschaft als Sicherheit in der Hinterhand wird kaum eine Bank je auf die Idee kommen, das Wertschriftendepot zu liquidieren – selbst dann nicht, wenn ein Börsencrash von historisch unbekanntem Ausmass das ungünstigste Szenario herbeiführt.
Die Bandbreite für ein vernünftiges Liquiditätspolster reicht also von viel bis gar keins – je nach individueller Situation. Genau deshalb greifen Daumenregeln zu kurz, und genau deshalb können auch wir Ihnen hier keine einfache Orientierungshilfe geben. Machen Sie stattdessen eine vollständige Auslegeordnung und prüfen Sie genau, was Ihre individuelle Situation erfordert. Eine Auslagerung der Verantwortung ist in diesem kritischen Punkt nicht zielführend.
Nützlich
Wir sind keine Steuerberater und können für Ihre persönliche Situation keine Steuerempfehlungen abgeben. Die folgenden Überlegungen sind keine Beratung, sondern eine allgemeine Einordnung.
Das Schweizer Steuerrecht prädestiniert hiesige Anlegerinnen und Anleger geradezu, um von langfristigen Aktienanlagen zu profitieren, denn die Schweiz kennt zwar eine Vermögenssteuer, aber keine Kapitalgewinnsteuer. Das Depot wird jährlich nach seinem Wert besteuert, unabhängig davon, wie es sich entwickelt hat. Auf Kursgewinne aber erhebt weder Kanton noch Bund eine Kapitalgewinnsteuer.
Das ist ein sehr fruchtbarer Boden für genau jenen Mechanismus, der langfristiges Investieren so attraktiv macht: den Zinseszins. In Ländern, in denen Kursgewinne bei jedem Verkauf versteuert werden, frisst der Fiskus mit jeder Gewinnmitnahme einen Teil des Kapitals – und damit auch alle künftigen Erträge, die dieser Teil noch erwirtschaftet hätte. In der Schweiz kann der Zinseszins unangetastet arbeiten: Wer sein Depot jahrzehntelang mit ruhigen Händen pflegt, trägt einzig die Vermögenssteuer auf den jeweiligen Depotwert – sowie die Einkommensteuer auf Dividenden oder Zinsen. Die eigentlichen Kursgewinne aber bleiben ohne Abzug.
Ein Praxistipp zum Schluss: So mühsam das jährliche Ausfüllen der Steuererklärung auch sein mag – nutzen Sie diese Gelegenheit, um jeweils eine neue Standortbestimmung zu machen. Die Steuererklärung kann ein sehr nützliches Werkzeug für Ihre Finanzplanung sein: Sie zwingt dazu, sämtliche Konten, Wertschriften, Liegenschaften und Verbindlichkeiten zu erfassen und verhilft Ihnen so zu einer vollständigen Übersicht. Nutzen Sie diesen Moment als Ausgangslage für ein Brainstorming und als Fundament für wegweisende Entscheidungen – von der Liquiditätsplanung bis zur Vermögensallokation.
Nützlich
Viele Anleger möchten mit ihrem Depot nicht nur eine ansehnliche Rendite erzielen, sondern auch ihre Wertvorstellungen verwirklichen. Das ist grundsätzlich möglich – aber die verfügbaren Instrumente unterscheiden sich stark darin, wie sie wirken. Eine einfache Regel hilft bei der Ordnung, analog zur Mathematik, wo Punkt vor Strich gilt: Konsum vor Investition.
Depotausschlüsse: Mit unserem Konsum steuern wir unmittelbar, welche Unternehmen künftig Umsatz und Gewinn machen. Mit einem Ausschluss aus dem Depot dagegen nicht: Wer eine Aktie erwirbt, kauft sie meist am Sekundärmarkt – von einem anderen Anleger, nicht vom Unternehmen selbst. Wie auf dem Occasionsmarkt gilt: Das Geld fliesst zwischen Käufer und Verkäufer, nicht an den Produzenten.
Stimmrechtsausübung: Bei der Stimmrechtsausübung ist der Wirkungskreis real. Auch wer über Fonds und ETFs anlegt, nimmt Einfluss – der Fondsmanager stimmt für ihn ab, und dieses Stimmverhalten ist für Anleger transparent nachvollziehbar. Die NGO ShareAction untersucht das Abstimmungsverhalten der grössten Vermögensverwalter laufend – und fördert dabei gravierende Unterschiede zu Tage: Manche Anbieter stützen fast alle Umwelt- und Sozialanträge, andere kaum einen. Das erlaubt eine bewusste Selektion: Wer sein Stimmrecht nicht selbst wahrnehmen kann, hat trotzdem eine Wahl – sie fällt mit der Auswahl des Anbieters. Wer einen Fonds dieser Anbieter erwirbt, kann sich darauf verlassen, dass nachhaltig abgestimmt wird – während es für Privatanleger mit Direktanlagen ohnehin kaum praktikabel wäre, ihr Stimmrecht selbst wahrzunehmen: Generalversammlungen finden häufig am selben Tag statt, rund um die Welt und manchmal hunderte gleichzeitig.
Das bedeutet nicht, dass Ausschlüsse falsch wären. Es gibt gute Gründe dafür – und sie liegen in einem anderen Wirkungskreis als beim Sekundärmarktkauf: Wer beispielsweise seinen Mann an Lungenkrebs verloren hat, für den wäre es in der Tat fragwürdig, künftig von British American Tobacco eine Dividende zu erhalten und damit direkt von diesem Geschäftsmodell zu profitieren. Ein solcher Ausschluss wirkt nicht im Markt, sondern im eigenen Gewissen – und ist als solche eine völlig legitime Entscheidung.
Die Abwägung lautet damit: Werte im Konsum und in der Stimmrechtsausübung kosten nichts. Werte über Ausschlüsse können Rendite kosten und schmälern die Diversifikation – mit den entsprechenden Konsequenzen, die wir bereits behandelt haben.
Nützlich
Dieses Handbuch stützt Zahlen und Aussagen nach Möglichkeit auf Quellen, die öffentlich zugänglich oder über den Herausgeber beziehbar sind. Hier sind die im Text referenzierten Studien im Überblick – mit Autoren, Institution, Erscheinungsdatum und der verwendeten Datenperiode.
Die Studien geben die Sicht ihrer jeweiligen Autoren wieder. Wir zitieren sie als Beleg für konkrete Einzelbefunde – nicht als Empfehlung der Herausgeber für dieses Handbuch. Vollständige Quellenangaben samt Bezugsweg finden sich jeweils bei den Herausgebern.
In unserem Alltag in der Vermögensverwaltung ergeben sich im Verlaufe einer Kundenbeziehung immer wieder die gleichen Fragen. Sie kommen auf, wenn das Vertrauen in die Märkte schwindet und sich Angst breit macht – und die Angst bekommt den Raum, weil das Verständnis für die Anlageformen, deren Funktionen und die Gründe für deren Entwicklungen nicht tief genug wurzelt. Uns ist es deshalb ein Anliegen, Fachliteratur an die Hand zu geben (siehe Buchempfehlungen). Diese ist aber manchmal theoretisch und langatmig oder hat zu wenig praktischen Nutzen. Andere Male wechseln wir die Perspektive, um den Wald besser erkennen zu können, wo man Gefahr läuft, nur noch Bäume zu sehen. Solche Themen haben wir in der Vergangenheit in Kundenbriefen aufgenommen – doch das Medium bot zu wenig Platz für Querverweise und bildete immer eine Wissenssackgasse. Dieses neue Handbuch löst das Problem und ist zudem für alle gleichzeitig zugänglich, während ältere Kundenbriefe neuen Kunden nicht mehr erreichbar sind.
Wir sind überzeugt: Je mehr Kunden hinter die Kulissen blicken können, desto besser gelingt die Zusammenarbeit. Wir haben also ein eigenes Interesse daran, dass unsere Kunden Wissen aufbauen und ihre Anlagetugenden stärken können. Das erleichtert unsere Arbeit – und verbessert das Resultat für die Kunden.
Unser Anspruch ist es, die Antworten auf die wiederkehrenden Fragen nicht nur zu geben, sondern sie so aufzubereiten, dass sie hängen bleiben. Denn was nützt die beste Erklärung, wenn sie in der nächsten Krise nicht mehr abrufbar ist? Deshalb ist jedes Kapitel nach demselben Muster aufgebaut: zunächst das Konzept in klaren Begriffen, dann der rote Faden zu den benachbarten Themen – und am Ende jeweils ein Merksatz, der sich merken lässt.
Der eigentliche Nutzen liegt aber erst im zweiten Schritt: im Übertrag auf das eigene Depot. Die Kapitel sind bewusst so angelegt, dass sie Massstäbe liefern, die Sie selbst anwenden können – etwa wie viele Positionen genügen, wie hoch die Kosten sein dürfen oder wie lange Ihr Anlagehorizont sein muss, bevor sich höhere Schwankungen lohnen. Wer seinen Depotzettel neben diese Massstäbe hält, kann die meisten wiederkehrenden Fragen in wenigen Minuten selbst beantworten. Vielleicht ersetzt dieses Handbuch sogar die Lektüre einer unserer Buchempfehlungen – das ist aber nicht unser Anspruch. Vielmehr kann das Handbuch als Nachschlagewerk dienen: um Themen aufzufrischen und dort vertiefende Quellen zu finden.
Es ist uns nicht möglich, in dieser Form sämtliche Fragen rund um das Anlegen abzuhandeln. Wir müssen uns auf wesentliche Punkte beschränken, die sich immer wieder in der Praxis als Stolpersteine herausstellen. Das Handbuch ist kein abschliessendes oder vollständiges Glossar, kein Lehrbuch und schon gar keine Anlageberatung. Es handelt sich auch nicht um eine wissenschaftliche Publikation mit unzähligen Quellen – es fusst stattdessen auf jahrzehntelanger Praxis, und dieser Praxisbezug steht im Vordergrund. Das Handbuch kennt aber Ihre individuelle Situation nicht und muss daher allgemein bleiben.
Nein. Wir sind auch nur Menschen – wir können irren, und andere Darstellungen derselben Zusammenhänge können ebenfalls ihre Berechtigung haben. Unsere Aussagen so abzuschwächen, dass keine Praxisrelevanz mehr vorhanden ist, hilft aber niemandem weiter. Deshalb schreiben wir so, wie wir denken, und freuen uns über jede anregende Gegenrede.
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